Ein Reise durch Serbien und Rumänien 2008
Der (wahrscheinlich) letzte Teil

Der zweite Tipp von Hans sollte uns zu einer ungarischen Tanzveranstaltung führen. Die Wegbeschreibung dorthin klang abenteuerlich, was uns vollends davon überzeugte, hinzufahren. An der vernachlässigten Busstation von Sighişoara vertrieben wir uns die Wartezeit mit rauchen, verstohlen Leute beobachten und über den staubigen Platz starren. Der Minibus wurde mit den Passagieren vollgestopft, die Fenster wurden aufgerissen, um den schweissbedeckten Gesichtern wenigstens kräftig Zugluft zu gönnen. Bei einer Kreuzung, die ein paar Häuser um sich versammelt hatte, drängten wir uns aus dem Bus. Da standen wir nun, bereit, dem rumänischen Nationalsport des Autostopps zu frönen. Doch zuerst verlangte es uns nach einer Erfrischung. Erstaunlicherweise hatten sich an dieser Kreuzung auch zwei Beisl angesiedelt, wovon das eine geschlossen war. So gingen wir halt in das andere. Dies war offensichtlich der Treffpunkt der Alkoholliebhaber dieses Weilers. Ein hochaufgeschossenes etwa elfjähriges Mädchen streunte herum und war mit einem der Säufer wahrscheinlich verwandtschaftlich verbunden, doch weder Verwandtschaft noch Alter des Kindes hinderte ihn und andere dort Anwesende männlichen Geschlechts ihm lüstern nachzugaffen. Wir beeilten uns, unser Süssgetränk zu tilgen und stellten uns auf die Strasse, um diesen Widerlichkeiten zu entkommen. Nach kaum 15 Minuten (!) hielt ein junger Rumäne und winkte uns in sein Auto. Leider konnten wir uns nur auf Englisch mit einem gemeinsamen Wortschatz von ungefähr 20 Wörtern unterhalten.
An einer weiteren Kreuzung, an der nun nur noch ein einsames Haus mit Hühnern im Garten stand, hielt unser Fahrer und deutete eine ungeteerte, sehr staubig aussehende Strasse entlang und sagte „Çeuas.“ Wir nickten, ja, da wollen wir hin! Ohne Worte hatten wir uns mit ihm auf eine kleine Taxifahrt geeinigt und nach einer guten Viertelstunde fuhren wir in Çeuas/Szászcsávás ein. Es war erhebend: wir waren mitten in der Pampa Rumäniens, dem Herz Transsylvaniens, angekommen. Die Luft war klar, die Strasse immer noch sehr staubig, die Leute guckten und es dämmerte. Mit Sack und Pack stapften wir in die Linda-Bar, die einzige Bar hier natürlich, und suchten die Veranstalter. Der Aufenthalt hier versprach prächtig zu werden!
Wir wurden bei einer entzückenden ungarischen Familie untergebracht, der gemeinsame Wortschatz tendierte gegen null. Nichtsdestotrotz tranken wir auf den schönen Abend und das wunderbare göttliche Hühnchen – frisch aus dem Hinterhof- ! Nachdem wir den Staub etwas abgeschüttelt und uns stattdessen Pomade ins Haar und Farbe ins Gesicht geschmiert hatten, schritten wir zum Tanz.
Im Tanzsaal mit den groben Dielen ging gerade ein Mädchen über die Tanzfläche und warf den Arm hin und her, als ob sie säen würde. Sie wässerte mit einer Flasche den Boden, warum wohl? Na, damit er natürlich nicht so staubig ist! Danach spielte das eine Orchester auf, das andere spülte wohl in der Linda-Bar die staubigen Kehlen. Die Tänzer stampften, die Tänzerinnen hüpften und machten gute Figur. Auf der kleinen Wiese hinter dem Tanzsaal sammelten sich die Kinder, die Raucher und die Ausgeschlossenen. Auffallend viele Roma waren hier draussen, obwohl die Orchester fast nur aus romischen Musikern bestanden. Ein Roma-Paar parodierte die ungarischen Tänze und zeigte uns eine kleine Kostprobe der ihren. Mein Freund A. erhielt für ein Bier eine kleine Lektion in einem Solo-Tanz. Dies kann man sich das etwa wie Schuhplatteln vorstellen, nur viel schneller, lockerer und eleganter… Die jungen Roma tanzten es meisterhaft. In der Linda-Bar fand der Abend seine Fortsetzung, wir tranken Pálinka, plauderten, tanzten und vor allem hörten wir dem Orchester zu, das auf weissen Plasikstühlen sass und den Himmel unters Neonlicht holte. Das Bogenharz der Geige fiel wie Goldstaub von den Saiten.
